Nachruf auf die Tageszeitung «Der Bund»

Das Internet hat alles verändert, auch für den Journalismus: Geschäftsmodelle brechen weg, News sind gratis verfügbar, überall und jederzeit. Filmproduzent Dieter Fahrer begleitete Journalistinnen und Journalisten in ihrem Alltag, sah, wie sie kämpfen. Daraus entstand der Dokumentarfilm «Die Vierte Gewalt», der 2018 für Schlagzeilen sorgte.

Nun meldet sich Dieter Fahrer erneut zu Wort – mit einem Leserbrief, einem Nachruf auf die Zeitung «Der Bund». Dort wird der Brief, wie es aussieht, nicht veröffentlicht. Wir publizieren die Gedanken aber gerne. In der Hoffnung, sie mögen den einen oder die andere zum Nachdenken bewegen.

Bern, im Mai 2021

Lieber Bund

Darf man einen Nachruf auf jemanden schreiben, der noch gar nicht offiziell gestorben ist? Ich bin unsicher, aber Du zwingst mich dazu.

Diese Rückschau schicke ich Dir als Leserbrief, und ich bin gespannt, ob Du ihn publizieren willst, und darfst?

«Der Bund, ein neues politisches Journal»

Im Nachlass meiner Eltern, die Du in meinem Film «Die Vierte Gewalt» kennengelernt hast, habe ich eine Aquatinta der Stadt Bern aus deinen Gründerjahren gefunden, eine idyllische Sicht vom Rosengarten aus über die Unterstadt, wo ich seit vielen Jahren zuhause bin. Diesen edlen Druck auf goldenem Hintergrund hast Du 1975 zu deinem 125-Jahre-Jubiläum deinen Lesern geschenkt (von Leserinnen war damals noch keine Rede) und mit ihnen deine lange Geschichte gefeiert.

Das Geschenk zum 125-Jahre-Jubiläum.

Deine Erstausgabe erschien 1850, nur zwei Jahre nach der Gründung des Bundesstaates, mit dem erklärten Ziel den demokratischen Diskurs im Land zu stärken. «Der Bund, ein neues politisches Journal», so hast Du dich angekündigt.

Ja, so war das damals

Ich kann Dir nur empfehlen die Jubiläumsausgabe vom 5. Oktober 1975 durchzublättern. Sie enthält nicht nur 42 Seiten (!) der Tagesausgabe, sondern zusätzlich 74 Seiten aus den 125 Jahren deines Erscheinens. Im Editorial formuliert der damalige Chefredaktor Paul Schaffroth das Bund-Credo: «Der Bund, das heisst, die Menschen, die für ihn, an ihm arbeiten, wollen nicht einem Selbstzweck dienen, noch mit der Zeitung, die sie täglich dem Leser übergeben, nur einem Streben nach materiellem Gewinn nachgehen.»

Schaffroth zitiert in der Folge aus der Festschrift von Max Grütter, die dieser zum grossen 100-Jahre-Jubiläum verfasst hatte. Dieser Text liest sich heute wie ein schlechter Witz: «Der Bund gehörte nie andern als sich selber. Keine Wirtschaftsgruppe, kein Verband, keine Partner, keine Behörde haben im Bund-Haus irgendein Mitspracherecht. (…) Die offenen klaren Besitzverhältnisse sind auch in Zukunft eine Garantie für das Weiterbestehen der finanziellen Unabhängigkeit und damit für die Erhaltung des liberalen Standortes des Bund».

Ja, so war das damals.

Die Goldenen Jahre

Lass uns nochmals in der Jubiläumsausgabe vom 5. Oktober 1975 blättern: 125 Jahre Geschichte aus Berner Perspektive ziehen vorbei. In den ersten Jahren ist das Blatt noch sehr dünn, die Redaktion winzig klein, mit gerade mal 1000 Abonnenten. Doch schnell entwickelt sich Der Bund zu einer veritablen Zeitung, zu einer Informationsquelle, die aus der Bundesstadt nicht mehr wegzudenken ist.

Redaktionssitzung heute (Szene aus «Die Vierte Gewalt»).

Nach dem Zweiten Weltkrieg kommen goldene Jahre für die Publizisten von Zeitungen und Magazinen. Der Markt für Inserate und Kleininserate boomt, genauso wie die Wirtschaft. Du wirst immer dicker, ebenso deine Besitzer, die aber die Gewinne nicht nur in ihre Taschen stecken, sondern z.B. einen feinen Feuilleton-Faszikel lancieren: Der kleine Bund. Über jene Jahre kursiert das Bonmot, dass die Journalisten (Journalistinnen gab es noch lange nur wenige) eigentlich nur für die Rückseite der Kleininserate schrieben, und dass man schon am Mittag im Restaurant eine Flasche Rotwein öffnete.

Lassen wir diese hübschen Anekdoten, über die Du sicher auch schmunzeln kannst. Lassen wir auch deinen historischen Stolz, z.B. darauf, dass Hitler höchstpersönlich den Bund im Deutschen Reich 1934 verboten hat, oder dass Du 1976 als erste Zeitung in Europa den Fotosatz eingeführt hast und schon 1983 das ganze Redaktionsteam am Bildschirm arbeitete.

Der Kampf um Aufmerksamkeit

Mit dem Aufkommen des Internets änderte sich alles. Hatte man vor kurzem noch gewitzelt, dass nichts älter sei, als die Zeitung von gestern, so sah die gedruckte Zeitung von heute nun selber alt aus. Digitalisierung und Globalisierung führten zu einer Kulturrevolution, die alle Lebensbereiche zu durchdringen begann.

Im zunehmend globalisierten Kampf um Aufmerksamkeit kann sich niemand Unauffälligkeit leisten, das hast auch Du gemerkt, und Du hast wie viele Medien online damit begonnen, alles mit allem zu vermischen: Text, Fotografie, Grafik und Film, ein wildes Potpourri von Fragmenten. Ich befürchte, dass auf der Redaktion kaum je diskutiert wird, was ein Text gut kann, und was nicht, wodurch Fotografien sich auszeichnen, oder Fotoreportagen, die leider fast völlig verschwunden sind. Dafür wird jetzt vieles multimedial aufbereitet, mit peppigen Grafiken und Filmchen ohne Haltung, deshalb auch ohne Wertschätzung gegenüber den unterschiedlichen Möglichkeiten, die Film, Fotografie und Text uns bieten.

Verleger als Vampire

(Was für ein reisserischer Zwischentitel, höre ich dich murren, doch darüber solltest Du dich nicht beklagen, denn das habe ich von dir gelernt: Zuspitzung und emotionale Bildhaftigkeit erhöhen die Reichweite.)

Du hast viele Veränderungen erlebt, mehr erlitten als selbstbewusst gestaltet, auch aus «Sachzwängstlichkeit», und zu Vielem wurdest Du vom Zeitgeist und von den Verlegern gezwungen: Deine Besitzer, die Nase dicht auf der verführerischen Spur des Geldes, haben „Online First!“ als ultimatives Gebot der Stunde erkannt: Da wollte man dabei sein, jetzt wo der Hochgeschwindigkeitskapitalismus so richtig Fahrt aufnahm! Und als die Werbung und die Kleininserate aus den gedruckten Zeitungen ins Internet abwanderten, lancierte man eigene Portale im Netz, kaufte Online-Börsen, Datenbanken und weitere Werbeträger, die sich als äusserst lukrativ erwiesen. Das war clever!

Der Trailer zu «Die Vierte Gewalt».

Die Zeitungsredaktionen jedoch, sie mussten Federn lassen, denn die Besitzer waren nicht mehr bereit auch nur einen Teil der Inseratengewinne in die Publizistik zu investieren – und sie stopfen sich auch weiterhin ungeniert ihre eigenen Taschen voll, mit Millionengewinnen, auch in Krisenzeiten wie jetzt. So wird Journalismus zum publizistischen Feigenblatt von Verlegern, die sich als Vampire gebärden.

Aktualitätsneurose

Ich weiss, das ist alles sehr vereinfacht formuliert, und Du wirst wohl noch immer bekräftigen, dass der Journalismus in den letzten Jahrzehnten qualitativ besser wurde. Du wirst vermutlich auch Deine publizistischen Innovationen anpreisen, wie z.B. den Einbezug der Leserschaft auf deinem Portal und in den sozialen Medien. Aber weisst Du was: Mit diesem Stammtischgeplänkel kannst Du mich nicht begeistern, erst recht nicht, wenn ich daran denke, wieviel Geld und Arbeit in diese virtuellen Meinungs-Müllhalden investiert wird. Da machst Du es dir zu einfach, denn einen Zugang zu Meinungsvielfalt erwarte ich nicht von deinem Publikum, sondern von dir: fundiert, präzise, vielfältig und so ausführlich, wie es sein muss.

Die Bund-Redaktion im Umbruch (Szene aus «Die Vierte Gewalt»).

Da seist Du teilweise schon mit mir einig, höre ich dich munkeln, aber man habe halt nicht mehr so viel Zeit, schon gar nicht in der Regionalberichterstattung, die per se mit zu hohen Kosten verbunden sei. Aber man sei ja auch in anderen Bereichen äusserst innovativ, z.B. im Datenjournalismus, der…

Komm’ mir nicht mit Datenjournalismus, falle ich dir ins Wort, und ich kann mich jetzt nicht mehr zurückhalten: Natürlich gab es in den letzten Jahren investigative Meisterleistungen, die ohne die Techniken des Datenjournalismus nicht möglich gewesen wären. Aber bitte, lass’ dein Publikum mit dieser Datenschwemme in Ruhe. Schau dir die Daten selber an, und gib uns dann deine Analyse, gib Einblick in die Herkunft des Datenmaterials, reflektiere dessen Glaubwürdigkeit und Relevanz. Fakten sind etwas Wertvolles, weil sie Klarheit schaffen können, aber chronische Faktenflut bewirkt genau das Gegenteil: Sie fördert die Hysterie und die Aktualitätsneurose eines zunehmend verwirrten Publikums.

Zwangsheirat

Diesen Herbst kommt es nun zur Zwangsheirat mit der Berner Zeitung. Beklagen darfst Du dich eigentlich nicht, denn Du hast viel zu lange, viel zu wenig Widerstand geleistet, und in deinem publizistischen Grundton auch stets Wirtschaftswachstum, Gewinnstreben und sich selbstregulierende Märkte hochgehalten.

Nun trifft es dich selbst, denn deine Besitzer dürfen tatsächlich mit dir machen, was sie wollen, und das werden sie auch weiterhin tun, darauf kannst Du Gift nehmen, oder Druckerschwärze. Und wenn der Verlag nun in säuselndem Ton von einer Traumhochzeit schwärmt, dann lügt er dich und uns an, wie gedruckt, und er setzt einmal mehr die wichtigste Grundlage journalistischer Arbeit aufs Spiel: dessen Glaubwürdigkeit.

Herzliches Beileid, oder die besten Wünsche zur Hochzeit, was Du lieber hören magst, und in kritischer Verbundenheit, trotz allem

Dieter Fahrer
Klösterlistutz 18
3013 Bern

PS: Wenn Du glaubst, dass ich jetzt mein Abo kündigen werde, dann hast Du dich getäuscht. So schnell wirst Du mich nicht los, doch ich begrüsse auch neue journalistische Initiativen in Bern, und ich werde sie unterstützen, so gut ich kann, denn guter Journalismus ist nie gratis, das wissen wir alle.

Dieter Fahrer.